Warum spielt Linus Weber nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft? In einem neuen Interview gibt der Diagonalangreifer so offen wie selten Einblicke in die Gründe für seinen Rückzug. Dabei spricht der 26-Jährige über fehlende Wertschätzung, den Umgang mit verletzten Spielern und ein System, das aus seiner Sicht kaum Platz für eigenverantwortliche Athleten lässt.
„Oft ist auch Wertschätzung eben nichts Finanzielles. Aber ich finde, die bekommt man relativ wenig – gerade im Profisport“, sagt Weber. Über Jahre habe er gelernt, sich nicht blind auf bestehende Strukturen zu verlassen. „Ich hole mir immer Expertise von außen. Das ist ein zentraler Bestandteil meines Werdegangs. Ich habe sehr viele Erfahrungen mit verschiedenen Trainern gemacht, die nicht positiv waren. Wo vor allen Dingen das Menschliche oder wie man menschlich behandelt wird unter aller Würde war.“
Verletzungen wurden zum Wendepunkt
Besonders kritisch blickt Weber auf den Umgang mit seinen Verletzungen während seiner Zeit in der deutschen Nationalmannschaft. Lange habe er versucht, den Erwartungen des Systems gerecht zu werden.
„Ich habe ganz oft die Erfahrung gemacht, dass man keinen mündigen Athleten möchte. Man möchte einen Athleten haben, der Ja und Amen sagt.“ Genau das habe er zunächst getan, jedoch mit Folgen für seinen Körper, denn „dann haben meine Verletzungen angefangen.“
Als Beispiel nennt Weber einen rund eineinhalb Zentimeter großen Anriss der Quadrizepssehne im rechten Knie. Trotz der Verletzung habe er seine Sommer für die Nationalmannschaft geopfert. Die notwendige Zeit zur vollständigen Ausheilung sei ihm jedoch nicht eingeräumt worden.
„Mir wurde gesagt: So ein Thema kann dich gut mal zwei Jahre beschäftigen. Wir können dir aber nicht die Zeit geben, weil das der Turnierkalender nicht zulässt, das konservativ ausheilen zu lassen.“ Später erkrankte er dann einem Pfeifferschen Drüsenfieber, die aus seiner Sicht ebenfalls nicht optimal behandelt worden sei.
Heute entscheidet Weber selbst
Aus diesen Erfahrungen habe Weber Konsequenzen gezogen. Heute höre er in erster Linie auf seinen eigenen Körper und hinterfrage Trainingsmethoden kritisch. Seitdem tue er nur noch Dinge, von denen er glaube, dass sie ihm guttun. Sei es im Training, bei Übungen oder beim Schlaf. Das sei jedoch nicht immer einfach, wie im Club oder eben beim Verband: „Da laufe ich immer wieder gegen sehr harte Wände.“
Wie konsequent er diesen Weg verfolgt, zeigte sich auch bei seinem Verein in Polen. Dort begann Weber jede Einheit mit Stabilisationsübungen auf einem Pezziball. „Meine ganzen polnischen Mitspieler haben mich angeschaut, als ob ich ein Alien wäre. Die haben sich darüber lustig gemacht. Ich habe es aber durchgezogen und es zahlt sich dreifach aus.“ Mittlerweile gehöre der Pezziball zu jeder Auswärtsreise.
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Unterschiedliche Vorstellungen mit dem Bundestrainer
Mit dem neuen Bundestrainer Massimo Botti schienen noch Gespräche geführt worden zu sein, wo er seine Sicht der Dinge darstellen konnte. Anfang des Jahres erklärte Weber: „Für mich hängt viel von den Bedingungen innerhalb der Nationalmannschaft ab – von den Annahmen, Zielen und dem Arbeitsumfeld sowie davon, ob wir uns in allen wichtigen Punkten einigen können.“ Doch eine Einigung konnte offenbar nicht erzielt werden.
Dass Weber und die Nationalmannschaft unterschiedliche Ansichten verfolgen, hatte zuletzt auch Bundestrainer Christian Dünnes gegenüber Volleyball Insider bestätigt. Vor allem beim Thema individuelle Freiräume zeigte sich der Chef-Bundestrainer wenig kompromissbereit. „Bei Linus ist uns das Maß an Kompromissen aber zu viel – auch weil man innerhalb der Mannschaft alle möglichst gleich behandeln will“, erklärte Dünnes kürzlich.
Für Weber können genau diese Freiräume jedoch ein wichtiger Bestandteil seiner Regeneration sein. Die unterschiedlichen Philosophien scheinen damit ein wesentlicher Grund dafür zu sein, dass der Diagonalangreifer derzeit, und auch in naher Zukunft, nicht mehr für Deutschland aufläuft.
Mit seinem Wechsel nach Südkorea beginnt für Weber nun ein neues Kapitel. Dort wird er rund 400.000 US-Dollar verdienen und dürfte damit aktuell der bestbezahlte deutsche Volleyballer sein. Gleichzeitig gilt die koreanische Liga nicht dafür bekannt, seine ausländischen Legionäre zu schonen. Es wird daher spannend zu beobachten sein, ob Weber auch dort seinen individuellen Weg konsequent weitergehen kann oder ob ihn erneut die Anforderungen eines Systems herausfordern.
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