Beim Länderspiel der deutschen Männer in Neu-Ulm hat Volleyball Insider die Gelegenheit genutzt und sich mit Chef-Bundestrainer Christian Dünnes zusammengesetzt. Es geht um erste Eindrücke von Neu-Bundestrainer Massimo Botti, das Fernbleiben von Anton Brehme – und natürlich um Linus Weber.
Christian, du trägst jetzt den Titel „Chef-Bundestrainer“ statt „Sportdirektor“. Was steckt dahinter?
Das ist schlicht Behördendeutsch. DOSB und BMI haben bestimmte Begriffe vereinbart, damit für alle klar ist, worüber man spricht. Der DVV war einer der wenigen Verbände mit zwei Sportdirektoren – alle anderen hatten Chef-Bundestrainer. Weil der DVV der einzige war, musste das angepasst werden.
Hat sich inhaltlich etwas verändert für dich?
Ich bin etwas näher an den Sport herangerückt. Viele der politischen Aufgaben übernimmt jetzt Jaromir Zachrich. Ich trainiere niemanden direkt, bin aber bei Kadernominierungen eingebunden.
Die VNL-Longlist wurde bekanntgegeben, kurz nachdem Botti überhaupt erst zum Team gestoßen war. Wie habt ihr das gehandhabt?
Das war natürlich nicht ganz einfach, aber Massimo hat die meisten Spieler international verfolgt. Bei den jüngeren haben wir dann unterstützt, sodass wir die letzten Plätze anhand von Trainings- und Vereinseindrücken sowie dem ersten Lehrgang vergeben haben.
Bei unserem letzten Treffen in Trient war gerade frisch bekanntgeworden, dass Winiarski aufhört. Wie war die Trainersuche danach – Stefan Hübner hat ja abgesagt?
So weit sind wir bei Stefan eigentlich gar nicht gekommen. Wir haben mit vielen Leuten gesprochen, auch mit ihm. Aber es wurde relativ schnell klar, dass eine Doppelfunktion nicht geht und er in Lüneburg etwas aufgebaut hat, das er zu Ende bringen will. Rückblickend war es gut, schon im November mit der Suche beginnen zu können. Ich habe auch mal im April nach einem Trainer gesucht, wo der Zeitdruck deutlich höher ist. Die Fußstapfen von Winiarski waren groß, deshalb haben wir uns dann auch die Zeit genommen.
Thomas Ranner hat sich in Stellung gebracht und ist es nicht geworden. Warum?
Thomas hat in neun Jahren einen sehr guten Job gemacht, und sein Anspruch, irgendwann Cheftrainer der A-Nationalmannschaft zu werden, ist völlig nachvollziehbar – wir trauen ihm das auch zu. Aus unserer Sicht war es schlicht etwas zu früh. Ich finde es aber sehr gut, dass er jetzt den Schritt nach Japan macht. Bevor man Cheftrainer der Nationalmannschaft wird, sollte man seine Qualitäten an verschiedenen Stationen gezeigt haben.
Du bist jetzt näher an der Mannschaft – welchen Eindruck macht Botti auf dich?
Er ist jemand, der unbedingt will. Andere Kandidaten waren vielleicht erfahrener, aber manchmal spürt man, dass die absolute Überzeugung fehlt. Bei Botti ist das anders – er bringt Energie rein, wartet nicht ab, macht positive Ansagen. Er ist strukturiert und steht zu seinem Plan. Und wenn man seine Spielerkarriere dazurechnet, ist er trotz seines Alters schon lange im Volleyball. Als 1,96m-Mittelblocker musste er das Spiel wirklich verstehen, um sich durchzusetzen.
Wie kommuniziert er – kann er Englisch?
Sein Englisch ist zumindest deutlich besser als der Durchschnittsitaliener. (lacht) Er hat einen guten Mix aus Einzelgesprächen und Ansagen an die Mannschaft. Massimo hat sich Jan Zimmermann direkt nach den Testspielen gegen Holland geschnappt und ist mit ihm in der Halle seine Sichtweisen durchgegangen. Spieler, die nicht bei der VNL dabei sind, bekommen einen Plan – und wir bieten einen zweiwöchigen Lehrgang an, damit sie sich weiterentwickeln können.
Anselm Rein scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Was siehst du in ihm?
Bei Zuspielern braucht man den längsten Atem. Den hat Anselm gehabt. Er ist direkt nach dem Abitur nach Kanada gegangen, kommt jetzt nach Lüneburg zurück – und war immer auf unserem Schirm. Er bringt die körperlichen Voraussetzungen mit, hat einen sehr guten Aufschlag und Block. Im Zuspiel fehlt noch etwas Erfahrung, aber die kann kommen. Ich hoffe, dass er mehr Spielanteile bekommt als Neo Laumann. Wenn er sich durchsetzt, kann das auch international etwas werden. Vorerst fahren wir aber mit Zimmermann und Burggräf zur VNL.
Warum war Anton Brehme in Kienbaum nicht dabei?
Anton hat seit längerer Zeit körperliche Probleme und macht gerade eine Reha zu Hause. Am 5. Juni ist er nochmal in Kienbaum, steigt aber noch nicht ein. Wir schauen dann, ob er bei der Trainingsgruppe dabei sein kann, um in VNL-Woche 3 einzusteigen und bei der EM fit zu sein.
Kommen wir zu Linus Weber, der erneut nicht auf der VNL-Longlist steht. Gibt es Differenzen?
Das hat mehrere Gründe. Linus ist sicherlich ein guter Spieler, war aber auch nicht immer Stammspieler bei seinem Verein. Gleichzeitig möchten wir die anderen nicht unterschätzen, die konstant spielen. Dazu kommen private Themen, durch die er für einen Großteil des Sommers nicht zur Verfügung steht – aus eigener Entscheidung. Sowas haben wir schon mal zugelassen, etwa bei Georg Grozer oder als Spieler geheiratet haben. Wenn jemand wie Jan Zimmermann zehn Jahre reingesteckt hat, würden wir das wahrscheinlich auch ermöglichen. Bei Linus ist uns das Maß an Kompromissen aber zu viel – auch weil man innerhalb der Mannschaft alle möglichst gleich behandeln will. Wir haben uns viel ausgetauscht, und ich glaube, beide Seiten verstehen die Position des anderen.
Würde er diese Kompromisse sportlich nicht rechtfertigen?
Nicht in diesem Ausmaß. Und ich sage nochmal: Wir wollen die anderen nicht unterschätzen. Filip John hat in der VNL letztes Jahr starke Leistungen gezeigt, und Yann Böhme hat in der Türkei eine top Saison gespielt.
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Schwierig – den besten Diagonalangreifer nicht zu nominieren, weil es zu viele Kompromisse verlangen würde, halte ich für den falschen Ansatz. Die Belastung in den Topligen ist einfach extrem hoch, da sollte man durchaus Verständnis haben, wenn die Spieler dann nicht durchgehend in der VNL zur Verfügung stehen. Das Thema hat man z.B. beim Basketball auch – und auch da ist es halt relativ klar, dass ein NBA-Star zu wichtig für die Mannschaft ist, um ihm Spieler vorzuziehen, die durchgehend verfügbar sind.